#thoughts - Aus der Reihe tanzen
Aus der Reihe tanzen
Ich glaube, ich habe schon als Kind eine gewisse Neigung dazu entwickelt, nicht ganz im Takt zu laufen.
In der Musikschule wollte ich nicht unbedingt das spielen, was alle anderen spielten. Im Chor fiel meine tiefe Stimme zwischen den glockenhellen Kinderstimmen auf. Und bei der Gymnastik war ich mit der Choreografie regelmäßig etwas spät dran – oder vielleicht war es einfach meine ganz eigene Interpretation davon.
Mit dem Erwachsenwerden habe ich natürlich gelernt, mich anzupassen. Das gehört dazu. Wir lernen Regeln, übernehmen Verantwortung und verstehen irgendwann, dass ein Zusammenleben ohne ein gewisses Maß an Verlässlichkeit nicht funktioniert.
Aber ganz verschwunden ist das Aus-der-Reihe-Tanzen nie.
Im Berufsleben war diese Eigenständigkeit lange ein echter Vorteil. Anders denken. Fragen stellen. Dinge ausprobieren. Nicht automatisch den Weg wählen, den schon alle gegangen sind. Gerade im Marketing kann das ziemlich hilfreich sein. Irgendwann verändert sich allerdings die Perspektive. Was zunächst als Individualität geschätzt wird, wird plötzlich als unbequem, kritisch oder gar kontrovers wahrgenommen.
Dabei ist für mich Individualität nicht gleichbedeutend mit Rebellion.
Ich halte mich an Regeln, wenn sie Sinn machen. Ich respektiere Gesetze und gesellschaftliche Spielregeln. Werte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Respekt, Toleranz, Freiheit und Hilfsbereitschaft sind für mich keine Verhandlungsmasse. Aber ich glaube nicht daran, dass etwas automatisch richtig ist, nur weil es schon immer so gemacht wurde.
Und genau hier beginnt für mich das Aus-der-Reihe-Tanzen. Nicht um dagegen zu sein. Sondern um hinzuschauen. Warum machen wir das eigentlich so? Muss das wirklich so sein? Was würde passieren, wenn wir es einmal anders versuchen?
Manchmal ist eine gesunde Portion Skepsis hilfreicher als blinder Konsens. Manchmal braucht es Mut, eine unbequeme Frage zu stellen. Und manchmal reicht es schon, den gewohnten Weg für einen Moment zu verlassen.
Ich gehe zum Beispiel gerne einmal barfuß durch den Park. Ich esse Frühstücksflocken auch am Abend. Und ich habe kein Problem damit, eine andere Meinung zu haben, wenn ich sie gut begründen kann. Das sind Kleinigkeiten. Aber genau darum geht es.
Wir müssen nicht jeden Tag die Welt verändern. Wir dürfen nur aufhören, uns selbst ständig passend zu machen.
Auch meine Texte entstehen deshalb nicht nach einem fertigen Rezept. Ich möchte nicht schreiben, was gerade gut funktioniert, nur weil es gut funktioniert. Ich möchte keine Gedanken in eine Schablone pressen, damit sie möglichst gut in einen Algorithmus passen.
Ich möchte neugierig bleiben. Fragen stellen. Erfahrungen teilen. Dinge manchmal anders betrachten.
Und wenn dabei ein Text entsteht, der nicht ganz dem entspricht, was man erwarten würde, dann ist das vielleicht sogar ein gutes Zeichen.
Denn vielleicht brauchen wir nicht mehr Menschen, die perfekt im Takt marschieren.
Vielleicht brauchen wir mehr Menschen, die den Mut haben, ihren eigenen Rhythmus zu finden.
Manchmal ist es Zeit, aus der Reihe zu tanzen.
Ich jedenfalls werde es weiterhin tun.